Wolfgang Müller ist kein Zeichner. Er ist weder Musiker noch Schauspieler, weder Schriftsteller noch Lehrmeister, weder Galerist noch Weinhändler. Und doch ist er auch alles zugleich: „Ein genialer Dilletant“(1). 1980 gründet er mit Käthe Kruse und Nikolaus Utermöhlen in Westberlin die legendäre Künstlergruppe „Die Tödliche Doris“. Fortan überrascht das Dreiergespann mit einer naiv-ironischen Mixtur aus New Wave und Performance. Mit schrillem Humor und gnadenloser Provokanz widmet man sich jeder nur erdenklichen Banalität des Alltags. Schnell avanciert „Die Tödliche Doris“ zum Geheimtip und bestreitet spektakuläre Auftritte in der ganzen Bundesrepublik.

Ihren ersten Schritt in das Metier der Bildenden Kunst wagen Müller, Kruse und Utermöhlen 1985 unter dem programmatischen Titel: „Über die Gesamtheit des Lebens und alles Darüberhinausgehende“. Die Serie von 44 abstrakten Gemälden schildert, der Methode des Daumenkinos folgend, einen Bewegungsablauf.. Die Einzelbilder markieren den Verlauf von etwas grundsätzlich Immateriellen: der Dynamik. Dieses Spiel mit dem Flüchtigen zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk der „Tödlichen Doris“. Als Geniestreich erweist sich hierbei ihre siebte und letzte Schallplatte. Nicht wirklich aus schwarzem Vinyl gepreßt, ist sie lediglich beim zeitgleichen Abspielen der LPs „Unser Debut“ und „sechs“ zu erfassen - Konzeptionalismus nach Kreuzberger Rezept.

Müller, der intellektuelle Motor der Dreierbande, setzt die paradoxe Jagd nach dem Immateriellen auch nach der Auflösung der Gruppe im Jahre 1987 konsequent fort. Seine Intention veranschaulicht der Künstler 1989 lapidar: „Wenn mich zum Beispiel ein Zeitlauf interessiert, dann habe ich ein Bild mit einer Uhr, deren Zeiger auf 12h und ein anderes, deren Zeiger auf 13h zeigt. Ich bilde alles ab, was mich nicht interessiert.“(2)

Eine Gratwanderung zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem vollführt Müller in seinen Papierarbeiten der frühen neunziger Jahre. Die sparsam auf das weiße Blatt hingesetzten figurativen Motive folgen dem Prinzip der Auslassung. Hinzu kommt die Verwendung von Transparentpapier, mit dem er teils einzelne Partien, teils den ganzen Bogen bedeckt. Das durchscheinende Papier selbst dient in einem zweiten Schritt als Zeichengrund. Einzig aus dieser höchst fragilen Verschränkung zweier bildlicher ebenen gewinnt der skurile „Wecker auf Überhosenbeinen“ seine formale Ganzheit. Die Uhr, die bereits als Gegenstand Vergänglichkeit symbolisiert, wird zur ephemeren Erscheinung.

In der Serie der „Sympathetischen Tintenzeichnungen“ (1992) greift Müller auf ein Hilfsmittel zurück, mit dem er bereits in seiner Schulzeit Erfahrungen sammelte: die Geheimtinte. Aus einer Wasserlösung von Kobalt (II)-chlorid und ein wenig Kaliumpermanganat ergibt sich eine Tinte, deren Färbung je nach Lufttemperatur und -feuchtigkeit zwischen Blau und Rosa changiert. Um diesen Effekt zu ermöglichen, installiert er die losen Blätter in Plexiglaskästen. Mittels einer kleinen Öffnung werden diese rahmenähnlichen Behältnisse durchlässig für atmosphärische Veränderungen und erlauben die chemische Reaktion der Tinte. Eine gültige Fixierung der stark schematisierten, teils kaum wahrnehmbaren Zeichnungen läßt sich so nicht gewährleisten. Es muß hingegen stets damit gerechnet werden, daß sie, eine der Arbeiten zeigt es, wie Wasser verdunsten.

Britta Färber in „Zeitgenössische Kunst in der Deutschen Bank, S.84, Dumont Köln 1994

(1)Titel einer Essay-Sammlung, die Müller 1982 im Merve-Verlag, Berlin, herausgegeben hat.
(2)„Uninteressant. Ein Selbstgespräch von und mit Wolfgang Müller“, in Martin Schmitz (Hrsg.), Die allerallerschönsten Interviews von Wolfgang Müller (Lehrmeister aus der Schule der Tödlichen Doris), Kassel 1989, S.53.

 

zurück